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Pavol Breslik - Tenor

Presse

Recital Bratislava, Nationaloper Bratislava, Oktober 2014

«Schubert in spitzenmäßiger Aufführung vom besten slowakischen Tenor 6. 11. 2014 17:00 Pavel Unger Die (Wunder)schöne Müllerin von Pavol Bršlík Übersetzung: Magdaléna Tschmuck Die Interpretation von Liedliteratur hat in der Slowakei keine große Tradition. Nur ein paar Sänger haben sich ihr systematisch gewidmet. Auch in Bratislava fehlt (und fehlte) es langfristig an Raum, Kammermusik zu machen. Der internationale Gesangwettbewerb, der den Namen von Mikuláš Schneider-Trnavský trägt, und der unter anderem das Liedschaffen des „slowakischen Schuberts“ bekannt machen wollte, scheint nach zwei Ausfällen der Vergangenheit anzugehören. Jetzt scheint aber doch eine gewisse Hoffnung aufzukeimen. Die Oper des Slowakischen Nationaltheaters öffnet mit dem neuen geplanten Zyklus das Tor der vokalen Kammermusik. Und vor allem würde ich gerne glauben, dass der Liederabend des Tenors Pavol Bršlík und des Pianisten Róbert Pechanec einen neuen Impuls zur slowakischen „Renaissance“ dieses Musikgenres gesetzt hat. Ich kann mir keine stärkere Inspiration, sich mit der Liedliteratur zu beschäftigen vorstellen, als Mittwochabend im Kleinen Saal der Slowakischen Philharmonie der Fall war. Der einzige Programmpunkt im offiziellen Teil war Die schöne Müllerin, op. 25 D795, von Franz Schubert auf den Text von Wilhelm Müller. Die zwanzig Lieder erzählen die ganze Geschichte vom jungen Müllergesellen, das Entflammen seiner Liebe und der drauffolgende Misserfolg, der in ein tragisches Ende mündet. Der romantische Text allein könnte in sich selbst – trotz autobiographischer Züge – ein wenig banal wirken, wenn es nicht die enge Verbindung zwischen dem Wort und der Musik gäbe. Das erotische Motiv ist mit der Poesie der Natur verbunden, der Hauptdarsteller führt einen Dialog mit seinem Nachkommen, der fast eine menschliche Dimension annimmt. Er ist dem Gesellen sowohl Partner und Beichtvater, ist ein Spiegel seiner seelischen Zustände, Augenzeuge seiner Lebensperipetii. Die weiteren namenslosen, fast imaginären Rollen sind die der jungen Müllerin und der des Jägers. Sie greifen in die Handlung grundsätzlich ein, beeinflussen sie, obwohl ihre Stimmen nicht erklingen. Sie treten nur in den einstimmigen Dialogen des Gesellen auf. Schuberts Schöne Müllerin ist eines der genialsten Werke der Vokalliteratur der Welt, das je entstanden ist. Obwohl der Zyklus für Männerstimme komponiert wurde, ist es kein Wunder, dass er für alle Stimmlagen eingerichtet wurde – so finden wir auch Aufnahmen mit Frauenstimmen. Ich persönlich erinnere mich – noch aus meiner Jugend, konkret aus dem Jahr 1976 – an eine Darbietung von Peter Schreier in Bratislava, sowie an eine Darbietung von Hermann Prey mit anderem schubertschen Repertoire. Ich zweifle aber, ob im letzten Vierteljahrhundert der komplete Zyklus überhaupt auf einer unserer bedeutenden Veranstaltungen erklungen ist. Am Mittwoch ist er in die dafür am besten geeigneten Hände geraten. Pavol Bršlík widmet sich neben seiner Opernkarriere, die er mit bewundernswert breitem Repertoire auf den führenden Bühnen entwickelt (gleichfalls auf dem Boden des mozartischen, belcantischen und französischen Repertoires sowie dem Repertoire des 20. Jahrhunderts), intensiv auch der Kammermusik. Auch das ist ein deutliches Zeugnis seiner außerordentlichen musikalischen Inteligenz, seiner Fähigkeit, die intimsten Ecken kompositorischer Aussagen zu reflektieren (die gerade Liedschaffen versteckt), eigene Emotionen zu öffnen und gleichzeitig auf die vokale Hygiene zu achten. Es hat immer schon gegolten – und es wird bis heute universal geschätzt – dass ein Künstler, der sich der Kammermusikliteratur widmet, eine Dimension extra bietet – für sich selbst, für den Zuhörer. Pavol Bršlík gehört definitiv in diese Kategorie, und das im internationalen Maß. Schuberts Zyklus passt hervorragend zu ihm. Er kann in ihn seine wunderschöne weiche Stimmfarbe hineinbringen, sowie seine technischen Fähigkeiten mit Ausdrucks- und Dynamikschattierungen zu arbeiten. Sein lyrischer Tenor nimmt in der mittleren und in der tieferen Lage eine dunklere Farbe ein, die Höhen glänzen im vollen Ton und haben gleichzeitig einen besonderen Charme bei der Beteiligung von voix mixte, wenn die Stimme in vollwertiger Qualität und Volumen, aber dank der Kopfresonanz leicht und etherisch erklingt. Es gibt dabei kein Falsett. Die Wanderung des Müllergesellen begann mit dem Lied Das Wandern. Pavol Bršlík hat es nicht ganz so sorglos angelegt, aber in Vorahnung der Liebeskomplikationen hat er gleich in der Einführung die spätere Handlungsentwicklung antizipiert. Schon in diesem Lied hat er zum Erkennen gegeben, dass er in seinem Ausdruckregister ein mezza voce mit Geschmack hineinbringen kann und dass er die einzelnen Strophen dynamisch sehr empfindlich schattieren und abstufen kann. In den folgenden Liedern (Wohin?, Halt!) reflektiert er sehr empfindlich die jeweilige Situation: Er fäng an, mit dem Bächlein zu kommunizieren, die Entdeckung der Mühle ruft bei ihm eine neue Emotion der Neugierde und der Hoffnung herbei. Pavol Bršlík spielt nach und nach die weiteren Triümpfe seines enorm kultivierten und gefühlmäßig ehrlichen Vortrags aus. Bezaubernd ist sein Legato, im Rahmen dessen er jedoch keine Laute des Textes verliert, jedes Detail, jeder Konsonant ist absolut sauber artikuliert. Es ist eine bestimmte, unglaubliche Vereinigung des Quasi-Parlandos mit der gebundenen Phrase. In der Dynamik ist er fähig, einen musikalischen Gedanken zu modelieren, ihm mehr Klangfülle hinzufügen und anschließend davon abnehmen – und das alles dank seiner großartigen Atemstütze. Jeder Ton, jede Phrase steht dabei im perfekten Zusammenklang mit dem Klavier. Róbert Pechanec ist kein Begleiter, er ist ein Partner und Mitgestalter der Atmosphäre. Im vierten Lied (Dankgesang an den Bach) tritt die junge Müllerin in die Handlung ein. In den folgenden Liedern (Am Feierabend, Der Neugierige, Ungeduld) formt sich seine Beziehung zu ihr. Ein lebendiges Interesse an dem Mädchen, das Bedürfnis ihr Interesse zu wecken, ein aufregender Dialog zwischen dem Gesellen und dem Meister (die erstaunliche Fähigkeit des Tenors die Stimmfarbe zu modulieren und die Aussagen des Meisters zu imitieren) wächst in die Neugierde und in die Ungeduld hinüber. In einem Moment steifen Bršlíks Phrasen in weich berauschender Zärtlichkeit dahin, fließen in einem äußerlich friedlichem Strom dahin, aber im nächsten Moment sind sie durch andere Emotionen überlappt – zweifelnde Signale mit erhöhtem Herzschlag. „O Bächlein meiner Liebe“ im Lied Der Neugierige erklingt in einer fast belcantoartiger, leidenschaftlicher Linie. Morgengruss – das ist bereits direkte Rede, „einen guten Morgen der schönen Müllerin“, bleibt aber unerwidert. Das narative Lied Tränenregen in der Interpretation von Pavlol Bršlík ist schon ein Nachdenken über das gescheiterte Treffen und ein Spiegel seiner momentanen, psychischen Verfassung. Die ist vokal minutiös durchgearbeitet mit dem Schwerpunkt auf Tiefe und vor allem auf Emotion, die Färbung und die Dynamik von jedem Wort. <br /> In den weiteren Liedern verändert sich wieder vorübergehend die Stimmung. Augenblicklicher Jubel (Mein!), Selbstreflexion (Pause) auch schon in dramatischen Tönen das Böse vorhersagend. Noch eine wunderbare Huldigung der grünen Farbe, der Lieblingsfarbe der Müllerin und schon ist der Nebenbuhler in Sicht (Der Jäger). Die aufregende Stimmung zeichnet sich in Bršlíks Interpretation in den Ausdrucksschwankungen, dynamischem Schwellen und schnellem Puls aus. Jedes Wort ist dabei wiederum vollkommen artikuliert und das Lied fließt trotzdem in einem zügigen Legato. Das Drama – auch in der männlich festen, satten Stimme, sowie in einer emotional verletzbaren Stimme bei der Zeichnung des Heldenpsyche – kuliminiert allmählich. Er kehrt zurück zu den Unterhaltungen mit dem Bach, die pessimistischen Gedanken kämpfen in ihm, im Spiel ist der Jäger und das Grab. Die böse Farbe ist eine Nummer, die bereits in einer dramatischen Spannung in Erwartung der Tragödie komponiert wurde. Pavol Bršlík legt den passenden Akzent hinein mit einer satteren, rhythmisch und besonders dynamisch dringlichen Tonfärbung. Es ist ein dramatischer Monolog des Künstlers in einem seelischen Grenzzustand vorgetragen. Ein ungemein glaubwürdiger Höhepunkt. Die Skepsis, die Trauer und eine tiefe, intime Beichte mit einer dramatischen Gradation spiegelt Bršlík im Lied Trockne Blumen. Die letzten zwei Lieder (Der Müller und der Bach und Das Baches Wiegenlied) sind anfangs ein abschließender und rührend trauriger Dialog zwischen dem seelisch verletzten Gesellen und dem mitfühlenden Bach. Es entwickelt sich zur Resignation, sich dem Schicksal ergeben und endet mit einem Wiegelied. Der Mensch und die Natur sind in einer leisen und definitiven Harmonie verschmolzen. Alles endet. Pavol Bršlík führt das Drama zum Finale. Das Drama, in dem er so viele Farben, dynamische Nuancen, so viel Aufregung und Ausdrucksflattern dargeboten hat, dass es schwer fällt, es in Worte zu erfassen. Zu diesem unwiederholbaren Ergebnis ist er aber nicht alleine erlangt. Das Klavier ist in der Schönen Müllerin ein gleichwertiger Partner der menschlichen Stimme. Einzigartig daher auch Klaviervirtuose Róbert Pechanec. Er arbeitet mit Pavol Bršlík regelmäßig zusammen, ist also fähig, seine Atmung und seine emotionalen Zustände nachzuvollziehen, während er hinter der Klaviatur sitzt und ohne es nach außen merken zu lassen. Die Schöne Müllerin haben sich also die beiden geteilt. Der „Bach“ von Pechanec hat die Stimmungen so geändert, wie es Schuberts Dialog mit dem Gesellen befohlen hat. Er freute sich mit ihm, teilte mit ihm die Hoffnung auf eine erfolgreiche Beziehung, quälte sich, trauerte und ist mit ihm gestorben – das alles ist im Klavierpart, in seiner kontrastreichen Dynamik, prickelnden Rhythmik und Emotionalität erklungen. Es war nicht nur eine Klavierbegleitung, es war eine ausgewogene künstlerische Partnerschaft. Es war ein gleichwertiger Dienst am (ich wiederhole!) genialen Werk von Franz Schubert.»

Pavel Unger (trad. Magdaléna Tschmuck), 06.11.2014