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News

19.06.2009

Nina Stemme: Salome in Barcelona

Nina Stemme lehrt Karl Lagerfeld das Fürchten

Ihr jüngster Auftritt in Barcelona war schlicht sensationell: Die schwedische Sängerin Nina Stemme konnte bei ihrem Debüt als "Salome" in Richard Strauss gleichnamiger Oper restlos überzeugen. Denn sie vertritt eine Glaubwürdigkeit, die man bei vielen Modelmaß-Sopranistinnen so vermisst.

Und dann küsst das böse Mädchen den abgeschlagenen Kopf des Propheten auf dem Silbertablett, während sein Blut die Tischdecke rot färbt. Ekstatisch. Weltverloren. So wie es die Titelheldin in Richard Strauss' 1905 zum Entsetzen der wilhelminischen Gesellschaft uraufgeführter Oper "Salome" immer tut. Auch diesmal sitzt da freilich in Barcelona im Teatro Liceu keine "17-jährige mit Isoldenstimme", wie es sich der Komponist für diese eigentlich unmögliche Rolle immer gewünscht hat.

Statt den im Zeitalter der visuellen Glaubwürdigkeit inzwischen gern an die Rampe geschickten Modelmaß-Sopranistinnen mit spitzer Höhe, überfordertem Volumen und kaum hörbarer Mittellage, die dann freilich im gefürchteten Ausziehtanz prunken können, ist hier allerdings wirklich eine grandiose Isolde zu hören: Nina Stemme, gefeiert in Bayreuth 2005 und 2006, in Stockholm, Glyndebourne und kürzlich in Zürich.

Weit war ihr Weg zur Salome, der sicherlich heikelsten, Stimme und Statur fordernden Rolle für eine jugendlich Hochdramatische. In Genf sollte es dann szenisch doch (noch) nicht sein; bei dem konzertanten Gehversuch 2007 in Straßburg musste sie aus Krankheitsgründen passen. Doch jetzt hat sie der unschuldig verworfenen Prinzessinnen-Lolita aus Judäa ziemlich nachhaltig den Stemme-Stempel aufgedrückt. Und "meine Salome" wie sie fast trotzig betont, der Welt präsentiert.

Stemmes Salome bleibt ganz ruhig und überlegt. Im weißen, keck mit einer schwarzen Schleife verzierten Abendkleid und mit blond wippendem Pferdeschwänzchen ist sie eher ein spätes Mädchen, das es wissen will, als ein berechnendes Kindfrauenluder. Virtuos grell sind hier der schrille, den Herodes als famoses Karl-Lagerfeld-Double gebenden Robert Brubaker und die todesmutig ihre Fülle auf allen vieren im roten Miss-Piggy-Glitzerdress über die Szene robbenden Jane Henschel als Herodias.

Der Tanz, weitgehend ein Film, der mit Beamer vom Servierwagen auf eine Tischdecke projiziert wird, wirkt wie eine bebilderte Rückblende in die Missbrauchsversuche einer verkorksten Kindheit. Die echte Stemme wird da von Bildern ihrer eigenen Tochter als Double überlagert.

Während die extrovertiertere Finnin Karita Mattila in Paris und New York die Salome kalt glänzender und glamouröser wie Madonna in Blond spielt und dabei sogar Nacktheit nicht scheut, schafft die ihr vokal ebenbürtige, wenngleich in der Höhe weniger eisig strahlende Schwedin Stemme auf dezentere, ihr wesensnähere Weise ein ganz anderes Salome-Porträt. Eines, das sie trotzdem gleich mit an die Spitze der gegenwärtigen Rollenvertreterinnen katapultiert. Stemme ist kluger, fragender, nachdenklicher, weniger intuitiv. Wenn sie den Kopf des Jochanaan für ihren Tanz fordert, will sie ihn wirklich - und mit allen Konsequenzen.

So hat Nina Stemme auch beispielhaft ihre unglaublich wandlungsfähige Sopranistinnenkarriere aufgebaut. Während sie - nach Isolde, Eva, Elsa, Elisabeth, Senta mit der kurzen, strahlkräftigen "Siegfried"-Brünnhilde im neuen Wiener "Ring" bereits an die Wagner-Gipfelbesteigung ihres Fachs schreitet, denkt die 46-jährige dreifache Mutter, die mit einem Bühnenbildner verheiratet ist, nicht daran, auf anderes, die Stimme Forderndes und Formendes, sie aber auch geschmeidig Haltendes zu verzichten. "Ich esse ja auch nicht täglich dasselbe", so ihre pragmatisch skandinavische Antwort. Damit ist sie dann freilich viel wagemutiger und auch neugieriger als etwa die Mattila.

Ihre Salome offenbart eine nach wie vor gesunde, über ein völlig kontrolliertes Vibrato verfügende, schlank geführte Stimme. So wurde aus einem Cherubino, ihrem Operndebüt 1989 im italienischen Cortona, über die Jahre eine Tosca, eine Butterfly, eine Tatjana, die Janacék-Mädchen, eine "Wozzeck"-Marie und eine Lady Macbeth von Minsk.

Sie ist in selten gespielten Opern von Martinu und Zemlinsky genauso aufgetreten wie in den Gassenhauern von Verdi und Puccini. Singt sie nun also, nach immerhin zwanzig Karrierejahren, auch noch die beiden anderen Brünnhilden, die der "Götterdämmerung" in Wien und in San Francisco, und die schwierigste, längste, in der "Walküre", schließlich im neuen Barenboim-"Ring" für Mailand und Berlin, dann muss es nebenbei immer noch auch eine "Maskenball"-Amelia" und - bald neu - die Lisa in "Pique Dame", Ariadne und Marschallin, Puccinis "Mädchen aus dem goldenen Westen" und irgendwann einmal die "Turandot" sein.

Nicht zu oft, nicht dauernd woanders, ein ausgeglichenes Privatleben, eine klug disponierte, lebendig gehaltene Rollenpalette, die besonders auch die charakterlichen Anforderungen der jeweiligen Partien nicht nur aus der eigenen Psyche schöpft - Nina Stemmes Karriereregeln sind keine Magie.

(Manuel Brug, Die Welt, 29.06.09)