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News

13.08.2009

Interview mit Patrick Lange

Ein Dirigent und Gentleman

Berlin ist ein Magnet für junge Kreative. Ob in Galerien oder Theatern, in Studios oder Konzertsälen, überall findet sich ein hohes künstlerisches Potenzial, das Berlin vorantreibt und neue Impulse gibt. Wir stellen in loser Folge junge Kulturmacher der Stadt vor.

Könnte er mir nicht jetzt sofort in einer halben Stunde das Dirigieren beibringen? Patrick Lange lacht. Das mit der Schlagtechnik wäre kein Problem, sagt er, mit ein bisschen musikalischer Vorbildung könne ich das locker in einer halben Stunde lernen. Aber beim Dirigieren gehe es um weitaus mehr als ums Taktschlagen: Das, was der Dirigent mit seinen Händen macht, ist das, woran er möglichst während der Vorstellung gar nicht denken sollte. Es fallen Begriffe wie Tempo und Dynamik und Phrasierung.

Dirigieren lernen sei etwa so wie eine Sprache lernen, und das brauche ja auch etwas mehr Zeit als eine halbe Stunde, sagt er. Es ist Nachmittag und ich sitze mit ihm beim Eiscafé auf dem Gendarmenmarkt - sozusagen im Dirigenten-Dreieck Konzerthaus-Staatsoper-Komische Oper. An der Komischen Oper ist Patrick Lange seit einem Jahr Erster Kapellmeister.

Der Lebenslauf des 27-Jährigen liest sich wie ein Musterbeispiel für eine Dirigentenkarriere: musikalische Grundlage im Knabenchor, Studium in Würzburg und Aufbaustudium in Zürich, zahlreiche Hospitanzen und Assistenzen bei berühmten Dirigenten wie Claudio Abbado, Riccardo Muti, Zubin Mehta und Kurt Masur, Gastdirigate bei zahlreichen großen Sinfonieorchestern, gefördert vom Dirigentenforum des Deutschen Musikrates - und mit 26 die erste feste Anstellung. Wie so häufig legen die kunst- und kulturinteressierten Eltern den Grundstein. In Roth bei Nürnberg geboren, darf der kleine Patrick mit sechs Jahren Klavierunterricht nehmen. Bereits mit acht Jahren beweist er dann schon eine Menge Zielstrebigkeit, als er für sich beschließt, auf das Internat der Regensburger Domspatzen gehen zu wollen. Die hatte der kleine Fußballfan gerade auf der Weihnachtsfeier des FC Bayern singen hören. Seine Stimme wird bis heute gelobt und auch Fußball mag er noch. Wenn nur die Zeit nicht so knapp bemessen wäre.

Er wollte Archäologe werden

"Als Kind wollte ich zunächst unbedingt Archäologe werden", sagt er. "Meine Eltern sorgten damals dafür, dass ich an Ausgrabungen teilnehmen konnte. Als ich dabei aber einmal völlig nass wurde, wollte ich doch nicht mehr Archäologe werden." Und bald war dem Jungen dann klar, dass es die Musik ist, die ihn glücklich macht. Als Patrick 12 Jahre alt ist, beschließt er Dirigent zu werden, für einen Domspatzen damals doch ein ungewöhnlicher Wunsch. Vorbild und Großvaterfigur war ihm der damalige Domkapellmeister; er hieß Georg Ratzinger und ist der Bruder des Papstes. Mit 16 Jahren dann dirigiert Lange das erste Mal eine Produktion im Regensburger Stadttheater.

Patrick Lange gilt als freundlicher und umgänglicher Dirigent. Auf dem Weg durch die Hintergänge und Höfe der Komischen Oper legt er einen zügigen Schritt an den Tag, nimmt sich aber jedes Mal Zeit, Mitarbeiter zu grüßen und Türen aufzuhalten. "Bei einem guten Dirigenten kommt es vor allem auf die Persönlichkeit an", sagt er. "Die autoritären Dirigenten sterben aus. Und das ist auch gut so. Heute ist die Mitsprache des Orchesters sehr viel wichtiger, als Dirigent geht man eine Partnerschaft mit dem Orchester ein."

Er nennt Simon Rattle als Beispiel für diese neue kollegiale Dirigentengeneration. Nun ist Simon Rattle jedoch doppelt so alt. Wie ernst nimmt denn ein grauhaariges Orchester einen 27-jährigen Dirigenten? Natürlich müsse man sich auch vor dem Orchester behaupten können, so Patrick Lange, man brauche eine Art natürlicher Autorität. Als Dirigent sei es vor allem wichtig, zu wissen, was man will: "Eine gute Vorbereitung ist alles." Und wie bereitet sich ein Dirigent vor? Ein großer Teil der Arbeit von Patrick Lange besteht darin, die Partitur des neuen Stückes zu lesen, einzelne Stellen mit dem Klavier durchzuspielen. Und: "Auch wenn das alle Dirigenten abstreiten: Man hört sich auch die verschiedenen Aufnahmen der Kollegen an."

60 Mal pro Jahr aufs "Schlachtfeld"

Als Erster Kapellmeister der Komischen Oper Berlin geht Patrick Lange heute 60 Mal pro Jahr aufs "Schlachtfeld", wie er es nennt: "Es ist eng, es ist heiß. Es ist eine ganz besondere Stimmung da unten im Orchestergraben." Er liebt die Oper, auch wenn er natürlich sehr gern Sinfoniekonzerte dirigiert und dabei, für alle sichtbar, im Mittelpunkt des Geschehens steht.
Bereits 30 Opern hat er in seinem Repertoire, gerade neu hinzugekommen ist Eduard Künnekes Operette "Der Vetter aus Dingsda", und schon bald wird auch Verdis "Rigoletto" dazugehören. Und wie geht es weiter, wie blickt ein so junger Dirigent in die Zukunft? Zu einer Karriere gehöre nicht nur Können, sagt Patrick Lange, sondern auch eine ganze Menge Glück. Etwas anderes als Dirigieren käme für ihn nie in Frage: "Ich wüsste gar nicht, was."

Termine: 20. 9., Premiere "Rigoletto" von Giuseppe Verdi. Weitere Aufführungen: 26., 30. September; 4., 14., 18., 23. Oktober

Friederike Schröter, Berliner Morgenpost, 13.8.09